Evelyn Windisch

Predigt der Woche

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Letzte Predigt der Woche vom 26.5.2020.
Timothy Cooke,
Liebe Leserinnen und Leser,
Am Pfingsten dürfen wir wieder Gottesdienst in der Kirche feiern! Während des sogenannten Lock-downs, wurden viele Beziehungen auf die Probe gestellt. In diesem Predigttext aus dem Prophetenbuch Hosea 11,1-9 handelt es sich um die gespannte Beziehung zwischen Gott und seinem Volk:


„Der Herr sagt: Als Israel jung war, begann ich, es zu lieben, Israel, meinen Sohn, rief ich aus Ägypten. Schon oft habe ich die Israeliten gerufen, doch stets sind sie mir davongelaufen. Sie haben den Götzen geopfert und vor ihren Götterfiguren Räucheropfer angezündet. Ich war es, der Ephraim das Laufen lehrte, ich nahm ihn immer wieder auf meine Arme. Aber die Menschen in Israel haben nicht erkannt, dass alles Gute, das ihnen geschah, von mir kam.

Mit Freundlichkeit und Liebe wollte ich sie gewinnen. Ich habe ihnen ihre Last leicht gemacht – wie ein Bauer, der seinem Ochsen das Joch hochhebt, damit er besser fressen kann, ja, der sich bückt, um ihn selbst zu füttern. Trotzdem weigern sie sich, zu mir umzukehren. Sie bitten lieber die Ägypter um Hilfe. Deshalb soll nun der assyrische König über sie herrschen! In ihren Städten wird das Schwert wüten, und die Orakelpriester, die falsche Ratschläge geben, werden sterben. Mein Volk ist mir untreu, und davon lässt es sich nicht abbringen! Sie rufen zu ihren Götzen, doch die können ihnen nicht helfen. Ach, wie könnte ich dich im Stich lassen, Ephraim? Wie könnte ich dich aufgeben, Israel? Sollte ich dich vernichten wie die Städte, Adma und Zebojim? Nein, es bricht mir das Herz, ich kann es nicht; ich habe Mitleid mit dir! Mein Zorn wird dich nicht wieder treffen, ich will dich nicht noch einmal vernichten. Denn ich bin Gott und kein Mensch. Ich bin der Heilige, der bei euch wohnt. „

Liebe Besucher unserer Webseite,
Einiges wird dem aufmerksamen Bibelleser nicht erspart. Ein Streitgespräch, zum Beispiel. In unserem eher herben Predigttext begegnen wir einem schimpfenden Gott in aufgebrachter Stimmung. Der Prophet Hosea erklärt, dass Israel seinen Niedergang reichlich verdient hat. Er lässt den göttlichen Gott Frust mit seinem Volk freien Bahn. Wir bekommen einen Zornausbruch zu Ohren, der eigentlich schon in den vorigen sieben Kapitel im Gang ist und der sich in unserem Predigttext zuspitzt. Aus Gottes Sicht läuft alles katastrophal schlecht. Als Ganzes gesehen, ist diese „Chropfleerete“ zweifellos die längste Schimpfkanone über Israel in der ganzen Bibel. Gottes Mängelliste und Vorwürfe über Israel, ja, im weiteren Sinne über uns Menschen überhaupt, ist lang, detailliert und wuchtig. Schonungslos wird der Mensch unter die Lupe genommen. Gott beklagt den allgemeinen Sittenverfall. Er nimmt den Volksglauben hart ins Gericht. Der Gottesdienst ist degradiert als Götzendienst und Ausschweifung, weil ausgerechnet die Priester das Volk verführen. Israel liiert sich mit fremden Mächten, die mit Gott verfeindet sind. Gottes Propheten werden verfolgt. Kriminalität nimmt die Oberhand und die Wehrlosen werden ausgebeutet. Israel benimmt sich wie eine untreue Ehefrau. Das Land versinkt in Verwirrung. Israel hat Gott den Rücken zugekehrt, ihm den Respekt und die Liebe verweigert, die er verdient hat.

All dies bekommt der Bibelleser mit, wie ein lauter Ehekrach in der Nachbarschaft. Man bekommt den Eindruck, dass hier eine Beziehung vor dem Abgrund steht. Kurz zuvor tat Hosea seinen Landsleuten die Ermahnung Gottes kund: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten...Das Volk ist wie ein nutzloses Gefäss, das niemand mehr braucht.“ (8,7-8)

Gott scheint am Ende seiner Geduld mit dem Problemkind Israel zu sein. Gott spürt keine Gegenliebe nur Verhöhnung und Verachtung seitens seines verwöhnten und verirrten Schützlings. Die Erschöpfungssymptome in dieser Beziehungskrise sind unverkennbar. So lässt Hosea im Namen Gottes seine Befindlichkeit ankünden: „Ihr ahnt nicht, wie zornig ich auf euch bin!“ (8,5)

Was hat das alles mit der Gottesliebe zu tun, fragen Sie sich vielleicht. Warum hat Hoseas Schilderung des zornigen Gottes Platz in einer Predigt über die Gottesliebe? Dieses Bild von Gott passt nicht zu den eindimensionalen, glatten und sentimentalen Gottesvorstellungen. Wie kann dieser Predigttext mit den zahlreichen Aussagen über den liebenden Gott übereinstimmen?
Im Prophetenbuch Hosea haben wir es mit der Liebes- und Leidensgeschichte Gottes zu tun. Gottes Anklage entsteht aus seiner tiefsten Liebe zu seinem Volk, das er liebt wie ein Vater sein Kind liebt. Wie einem liebenden Vater ist es Gott nicht egal, was Israel macht. Das ist kein distanzierter Gott, der sich nicht um das Wohl seiner Menschenkinder kümmert, der in diesen Worten regelrecht explodiert. Sein Zorn ist wohl begründet aber er ist eigentlich der Ausdruck seiner Liebe. Er will Israel damit unmissverständlich mitteilen, wie ernst Gott seine Situation nimmt, wie eng verbunden er mit Israels Schicksal ist, wie unergründlich tief seine Gefühle für Israel sind. Und bisher hatte Israel kein Gehör für Gottes Liebeserklärung.

Gegen den Schluss unseres Textes stehen einige kurze Fragen: „Wie könnte ich dich im Stich lassen? Wie könnte ich dich aufgeben? In diesem inneren Dialog stellt Gott sich Fragen. Gott stellt sich eigentlich in Frage. Seine Heiligkeit wird verschmäht und seine Würde und Ehre sind verletzt. Die Spannung wächst mit dem Geständnis: „Es bricht mir das Herz!“ Gegen seine Enttäuschung, gegen sein Bedürfnis, ein Exempel von Israel zu machen. Ein Widerstreit findet statt in Gottes Innerem. Und Gott gebietet seinem eigenen Zorn Einhalt. Denn zuinnerst will er hell machen, und nicht zerstören, seine Liebe zum Menschen leben und nicht widerrufen, nicht zum Gott der Lebensfeindlichkeit werden. Gott will kein Henkergott sein, auch wenn die Menschen ihn provozieren. Er will einen anderen Weg eröffnen.

Denn, so lautet die Begründung im Text, „Ich bin Gott, kein Mensch. Ich bin der Heilige, der bei euch wohnt.“ Diese Heiligkeit wird sichtbar in seiner vergebenden Liebe – die Israel in die Arme nimmt; der sich bückt, um Israel zu speisen, der mit Freundlichkeit und Liebe das Herz Israels zu gewinnen versucht. Er will Israel mit seiner Gnade segnen, aber das Dilemma besteht darin, dass Israel sich nicht segnen lässt.

Hosea erschüttert manche Gottesbilder. Er konfrontiert uns mit einem Gott, der sich total mit seinem Volk identifiziert, der mitleidet und der Mitleid hat. Er offenbart sich in seiner Liebe und er nimmt das Risiko auf sich, dass seine Liebe abgelehnt und verschmäht werden kann. Diese Gottesliebe übersteigt unser Auffassungsvermögen. Welcher Mensch könnte mit so viel Ausgrenzung und Ablehnung umgehen, die Gott von seinen Geliebten erleiden muss? Die Liebe Gottes drückt nicht menschliche Schwäche aus, sondern seine Heiligkeit, die Gerechtigkeit und Erbarmung vereint und verleiht auf jene, die seinen Willen tun.

Was hat dann dieser herausfordernde Text des Propheten uns heute zu sagen? Ich denke, dass wir die Überzeugung mit auf unseren Weg nehmen sollen, dass Gott zu Lieben ohne ihn zu ehren in der Beliebigkeit endet. Wir glauben dann, dass Gott wie ein langweiliger Kumpel ist, den man ruhig vernachlässigen kann. Den man nicht zu ernst nehmen muss. Der liebende Gott wird so zur belanglosen Projektionsfläche, die immer freundlich lächelt, egal was wir tun. Und handkehrum wird Gottesehre ohne Liebe zur Schreckherrschaft der fanatischen Intoleranz. Die Prophetenbotschaft ist eindeutig: Wir können über Gott nicht verfügen. Gott lässt sich nicht manipulieren.

Gefragt wird von uns der innere Dialog über unsere Beziehung zu Gott und zu den Mitmenschen, das Suchen nach Gotteswille und die Freude, die mit der Gewissheit kommt, dass wir von Gott geliebt sind. Liebe hat auch mit der Erkenntnis von Grenzen zu tun: Die Heiligkeit, das Anderssein Gottes, der sich nicht auf menschliche Denk- und Verhaltensmuster reduzieren lässt. Wir können Gott nicht durchschauen. Weil Gott immer mehr ist, als wir mit Worten ausdrücken und mit unseren Gedanken erfassen können. Aber wir brauchen das Geheimnis Gottes in seinem Sein nicht zu begreifen. Lasst uns das so annehmen, dass Gott heilig ist. Lasst uns seine Liebe geniessen. Lasst uns ihm die Ehre entgegenbringen, die ihm gebührt. Und, vor allem, lassen wir seine Gnade in uns wirken, damit sie in anderen wirksam wird. Amen.




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Predigt vom 26.5.2020
Bereitgestellt: 21.04.2020     Besuche: 4 heute, 118 Monat 
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